Elias Canetti – Der Dirigent

Das Wort Macht ist sehr ausdrucksstark und spielt eine große Rolle in der Geschichte, in gegenwärtigen politischen Systemen, sowie im Berufs- und Familienleben vieler Individuen. Häufig ist es jedoch schwierig objektiv zu differenzieren bis zu welchem Punkt Macht oder Autorität wichtig und zielführend sind, und ab wann diese gefährlich werden können.

Im Folgenden wird diese Thematik anhand der Lektüre „Der Dirigent“ von Elias Canetti behandelt. Diese stammt aus der 32. Auflage seiner anthropologischen Studie „Masse und Macht“ und erschien erstmals 1960. In dem vorliegenden Ausschnitt geht es um den Vergleich eines Dirigenten mit der Macht, da Canetti davon überzeugt ist, dass die Macht an nichts anderem so deutlich aufgezeigt und erklärt werden kann, wie an der Tätigkeit des Dirigenten.

Beim ersten Lesen des Textes und mit Berücksichtigung des Erscheinungsjahres ist mir aufgefallen, dass der Dirigent durch seine Autorität und seine Unerbittlichkeit stark an die Zeiten des Nationalsozialismus erinnert. So betitelt Canetti den Dirigenten in seinem Werk als „Führer“[1], welches einen Bezug zu Adolf Hitler vermuten lässt, welcher häufig selber „der Führer“ genannt wurde.[2]

In Hans-Georg Gadamers Hermeneutik spielen Vorurteile eine sehr wichtige Rolle. Diese sind keineswegs negativ zu begreifen, sondern bilden einen wichtigen Bestandteil zum Verstehen von Texten.[3] Auf Basis dieser Hermeneutik habe ich mich schließlich dazu entschieden meine persönlichen ersten Eindrücke des vorliegenden Textes im Laufe dieser Arbeit weiterzuerforschen.

Während der Lektüre stellte sich mir rasch die Frage, ob die von Canetti dargestellte Form der Macht nicht eventuell sogar gefährlich ist. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen wird im Folgenden erst einmal der Text analysiert.

Der Text beginnt damit, dass der Autor den Leser*innen klarmacht, es gäbe keinen anschaulicheren Ausdruck für die Macht als die Tätigkeit des Dirigenten. Der Grund dafür, dass dieser so offensichtliche Sachverhalt noch keinem aufgefallen sei, liegt in der Musik selber. Sowohl der Dirigent als auch das Publikum betrachten stets die Musik als Mittelpunkt des Konzertes und nicht den Dirigenten. Dieser scheint lediglich „Diener an der Musik“[4] zu sein.

Im Folgenden allerdings wird deutlich, dass das nicht stimmt und welche Macht dem Dirigenten, welcher sogar als Führer betitelt wird[5], was in meinem Kopf Assoziationen mit dem Zweiten Weltkrieg hervorruft, wirklich zusteht. So steht der Dirigent als einziger im Saal, und er steht erhöht. Er wirkt in alle Richtungen, nach vorne auf das Orchester und nach hinten auf das Publikum. In die Richtung des Orchesters hat der Dirigent die „Macht über Leben und Tod der Stimmen“[6] was ihm eine uneingeschränkte Autorität zuspricht und ihn fast göttlich wirken lässt. Die Uneingeschränktheit seines Handelns wird außerdem dadurch deutlich, dass davon gesprochen wird, dass er der Einzige ist, der bestimmt und über richtig oder falsch urteilt.[7] Es gibt also niemanden, der ihm übergeordnet ist, was sehr gefährlich werden kann.

Dass der Dirigent dem Orchester überlegen ist, wird ebenfalls dadurch deutlich, dass das Orchester als Armee tituliert wird, welche es zu meistern oder zu führen gilt. Diese Formulierung spricht dem Orchester jegliche Eigenständigkeit ab und auch hier wird ein klarer Kriegsbezug deutlich.

Auch auf das Publikum wirkt der Dirigent. Er steht stets mit dem Rücken zu diesem und durch seine erhöhte Position blickt das Publikum zu ihm auf. Das Publikum folgt ihm, durch den Weg der Noten und der Musik, den er unerbittlich und rastlos geht.[8]

Die negative Konnotation der Macht des Dirigenten erschließt sich mir besonders durch die Ausdrucksweise Canettis. Der Dirigent „ist sozusagen in jedermanns Kopf“[9], was wie eine Einschränkung der eigentlich freien Gedanken wirkt. Des Weiteren sucht „(s)ein Ohr (…) die Luft nach Verbotenem ab“[10], was ihn als streng darstellt und als würde er bloß auf Fehler warten, um diese zu bestrafen. Außerdem gibt es einen „Zwang auf die Zuhörer“[11] sich in seiner Gegenwart nicht zu bewegen und zu schweigen, was wiederum seine scheinbar endlose Autorität bestärkt und durch die Verwendung des Wortes Zwang eine unangenehme Atmosphäre kreiert. Der Dirigent allerdings genießt diese Macht und kann immer schwerer auf sie verzichten.[12] Er lebt quasi für den Beifall der Massen. Auch stilistisch betont Canetti die Macht des Dirigenten, indem die Adjektive: steht, allein, erhöht, gesehen, allwissend, sowie allgegenwärtig im Verlauf des Textes kursiv geschrieben sind und damit die wichtigsten Aspekte der Macht des Dirigenten hervorheben und eine Art kurze Zusammenfassung des Textes geben.

Der Text endet damit, dass Canetti die Aussage macht, der Dirigent sei für die Dauer der Aufführung der Herrscher der Welt.[13] Auf der einen Seite begrenzt diese Aussage die Macht des Dirigenten auf die Länge der Aufführung, auf der anderen regt es die Leser*innen aber zum Nachdenken an, denn sollte es wirklich einen alleinigen Weltherrscher geben, auch nur für die Dauer eines Konzertes?

Bei einer tieferen Recherche im Anschluss an das Lesen des Textes ergab sich, dass Elias Canetti ungefähr 30 Jahre an seinem Werk „Masse und Macht“ schrieb.[14] Dies würde bedeuten, dass die Wahrscheinlichkeit, dass „der Dirigent“ tatsächlich während des Zweiten Weltkriegs geschrieben worden ist, ziemlich hoch ist. Außerdem wird erwähnt, dass der Nationalsozialismus den Rahmen für Canettis Beobachtungen bildete, dass Macht sich vor allem aus dem Sieg über den Tod ergibt.[15] Dies bestärkt den Eindruck, dass es in Canettis Text immer wieder Bezüge zum Zweiten Weltkrieg gibt. Darüber hinaus starb Canettis Vater, der scheinbar kerngesund war, 1912 völlig überraschend, was jegliches Vertrauen Canettis in eine berechenbare Ordnung der Welt zerstörte[16], und seine skeptische Ansicht der Macht erklärt.

Aber ist Macht nun gut oder schlecht? Per se kann Macht erstmal nicht moralisch als gut oder schlecht bewertet werden. Allerdings wird sie häufig geleugnet, was auch der Dirigent unterbewusst tut, indem er sich bloß als Diener der Musik sieht. Dies wiederum kann dafürsprechen, dass man das Machtinnehaben, als negativ bewertet deuten kann, da es nicht zugegeben werden will. Auch dies bildet eine Parallele, denn auch im Nationalsozialismus wurde die Macht und die aus ihr resultierenden und mit ihr einhergehenden Taten lange geleugnet. Sehr wichtig ist es allerdings, dass Macht begrenzt sein muss. Es darf eben keinen Weltherrscher geben, sondern die Gewaltenteilung und die Demokratie sind wichtige Bestandteile unseres politischen Systems, welche Macht einschränken, ihren „Missbrauch verhindern und die Freiheit aller sichern“[17]. Gerade an dem Beispiel des Zweiten Weltkriegs zeigt sich, dass es sehr gefährlich ist, wenn dieses System nicht mehr gewährleistet ist und eine Person alleine die gesamte Macht besitzt. Dies liegt insbesondere daran, dass diese Person dann selber von nichts mehr eingeschränkt, bzw. kontrolliert wird. Gewaltenteilung ist bei der Darstellung des Dirigenten bei Canetti allerdings nicht vorhanden. Es wird immer wieder betont, dass der Dirigent alleine entscheidet und auch richtet.

Trotzdem ist die Macht des Dirigenten auch in Canettis Werk begrenzt, und zwar durch die Zeit. Der Dirigent besitzt eben nur während des Konzertes die Macht und mit Beendigung des Stückes endet auch seine Macht. Dies nimmt der Macht des Dirigenten ein großes Stück der Gefahr.

Eine weitere Parallele zwischen Canettis Werk und dem Nationalsozialismus ist, dass die Individualität verloren geht, bzw. sogar störend ist. Für den Dirigenten sitzen im Orchester lediglich „die Oboen“, „die Klarinetten“, etc. und keine individuellen Personen.

Canetti hat allerdings einige wichtige Aspekte, welche die Macht des Dirigenten begrenzen, vergessen. Zum einen ist dies die Macht der Ohnmächtigen[18], denn das Orchester ist dem Dirigenten keineswegs machtlos ausgeliefert. Es ist ihm durch seine Überzahl überlegen und kann ihn ohne weiteres auflaufen lassen. Außerdem wird die Macht des Dirigenten durch den Wettbewerb mit anderen Dirigenten und durch die Abhängigkeit vom Publikum und dessen Beifall eingeschränkt.

Alles in allem ist die von Canetti dargestellte Form der Macht des Dirigenten theoretisch sehr gefährlich, da sie kaum überprüft oder aufgeteilt wird. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass ein Großteil dieser Gefahr dadurch entschärft wird, dass dem Dirigenten die Macht immer nur für einen kurzen Zeitraum zusteht und sowohl durch die Macht des Orchesters und des Publikums als auch den Wettbewerb mit anderen Dirigenten eingeschränkt wird. Diese Formen der Machtbegrenzung können ebenfalls in vielen politischen Systemen wiedergefunden werden. Die Macht ist in den meisten Demokratien durch gewisse Amtszeiten und Neuwahlen zeitlich begrenzt. Darüber hinaus wird diese ebenfalls durch den direkten Wettbewerb mit anderen Politikern und Parteien eingeschränkt, um das Entstehen von Diktaturen zu vermeiden.


Über die Autorin: Jana Würtz studiert Betriebswirtschaftslehre und Digital Business an der Leuphana Universität Lüneburg. Der vorliegende Aufsatz entstand in ihrem ersten Semester im Rahmen des Seminars „Hermeneutik und Dekonstruktion“.


[1] Canetti, Elias (1980): „Masse und Macht“, Frankfurt am Main, S. 469.
[2] Wissen.ARD.de: „Die wichtigsten Köpfe des Nationalsozialismus“, https://www.ard.de/home/wissen/Nationalsozialismus__Die_wichtigsten_Koepfe/1588886/index.html, (14.03.2021).
[3] Vgl. Gadamer, Hans-Georg(1960): „Wahrheit und Methode“, Tübingen.
[4] Canetti, Masse und Macht, S. 468.
[5] Vgl. Canetti, Masse und Macht, S. 469.
[6] Canetti, Masse und Macht, S. 468.
[7] Canetti, Masse und Macht, S. 469.
[8] Vgl. Canetti, Masse und Macht, S. 469.
[9] Canetti, Masse und Macht, S. 470.
[10] Canetti, Masse und Macht, S. 470.
[11] Canetti, Masse und Macht, S. 469.
[12] Vgl. Canetti, Masse und Macht, S. 469.
[13] Vgl. Canetti, Masse und Macht, S. 470.
[14] Bayrischer Rundfunk (2016): „Klassiker der Weltliteratur: Elias Canetti – „Die Blendung““,https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/klassiker-der-weltliteratur/elias-canetti-die-blendung-roman100.html, (15.01.2021).
[15] Vgl. Bayrischer Rundfunk, Klassiker der Weltliteratur.
[16] Bayrischer Rundfunk, Klassiker der Weltliteratur.
[17] Republik Österreich Parlament: „Wozu Gewaltenteilung“, https://www.parlament.gv.at/PERK/PARL/POL/ParluGewaltenteilung/, (14.03.2021).
[18] Hank, Rainer (2019): „Die Gewalt der Töne“, https://www.nzz.ch/feuilleton/musik-und-macht-die-gewalt-der-toene-ld.1511304, (15.01.2021).

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